Wenn Waldbrände zur Großschadenslage werden: Landesfeuerwehrverband Hessen fordert eine risikogerechte Vorsorge für Wald- und Vegetationsbrände
Wald- und Vegetationsbrände entwickeln sich zunehmend zu komplexen Einsatzlagen. Die jüngsten Brandereignisse in Hessen, beispielsweise im Main-Kinzig-Kreis oder Rheingau-Taunus-Kreis und im nordrhein-westfälischen Hürtgenwald zeigen, wie schnell aus einem örtlich begrenzten Brand ein langwieriger Einsatz mit hohem Kräfte-, Material- und Koordinierungsbedarf werden kann. Im unmittelbar benachbarten Nordrhein-Westfalen fordern derzeit mehrere große Wald- und Vegetationsbrände die Feuerwehren. Im Hochsauerlandkreis handelt es sich um einen ausgedehnten Flächenbrand mit einer Fläche von rund 100 Hektar. Aufgrund der langen Einsatzdauer erreichen die Kräfte vor Ort ihre Belastungsgrenze. Für die überörtliche Hilfe unterstützten zwei hessische Einsatzkontingente mit jeweils vier Katastrophenschutz-Löschzügen aus den Landkreisen Waldeck-Frankenberg, Kassel und Schwalm-Eder.

Bild: Symbolbild Pixabay
Wenn mehrere Brände gleichzeitig auftreten, geraten die Ressourcen Personal, Fahrzeuge und Spezialtechnik auch über Kreis- und Landesgrenzen hinweg unter erheblichen Druck. Ein ähnliches Bild zeigt sich in weiteren Teilen Europas. Auch in Spanien und Frankreich kämpfen zahlreiche Einsatzkräfte gegen schwere Waldbrände. Die parallelen Einsatzlagen machen deutlich, dass Feuerwehren auf lang andauernde und personalintensive Vegetationsbrände vorbereitet sein müssen. Der Landesfeuerwehrverband Hessen dankt den hessischen Einsatzkräften, die ihre Kameradinnen und Kameraden in Nordrhein-Westfalen unterstützen. Dieser Einsatz steht für gelebte Solidarität und einen funktionierenden überörtlichen Katastrophenschutz.
„Vegetationsbrandbekämpfung ist keine Randaufgabe mehr. Solche Brände können über Stunden oder Tage Personal binden, Einsatzkräfte körperlich an ihre Grenzen bringen und ganze Regionen fordern. Darauf müssen wir uns flächendeckend einstellen. Entscheidend ist nicht nur, ob einzelne Spezialmittel vorhanden sind, sondern ob vor Ort eine belastbare Kette aus Früherkennung, Führung, Löschwasserversorgung, Logistik und Ablösung funktioniert“, erklärt Norbert Fischer, Präsident des Landesfeuerwehrverbandes Hessen.
Die Gefahr entsteht dabei nicht durch den Klimawandel als unmittelbare Zündquelle. Menschliches Fehlverhalten, technische Defekte oder Brandstiftung bleiben mögliche Ursachen. Der Klimawandel verändert jedoch die Bedingungen, unter denen ein Feuer entsteht und sich ausbreitet. Längere Hitze- und Trockenphasen lassen Böden und Vegetation austrocknen. Wind, schwer zugängliches Gelände und große Entfernungen zu Wasserentnahmestellen können die Brandbekämpfung zusätzlich erschweren.
Hessen hat in den vergangenen Jahren wichtige Fähigkeiten aufgebaut. Dazu zählen Waldbrand-Einsatzsets, geländegängige Gerätewagen-Logistik mit einem Modul Vegetationsbrandbekämpfung, Abrollbehälter Waldbrandbekämpfung sowie die Möglichkeit, Hubschrauber der hessischen Polizei mit Außenlastbehältern zur Unterstützung einzusetzen. Digitale Waldbrandeinsatzkarten erleichtern seit 2024 die gemeinsame Orientierung und Einsatzplanung. Der Landesfeuerwehrverband bewertet diese Bausteine als wertvolle Verstärkung. Sie ersetzen jedoch nicht die kontinuierliche Vorbereitung in Städten, Gemeinden und Landkreisen. Aus Sicht des Landesfeuerwehrverbandes braucht Hessen eine flächendeckende Grundbefähigung der Feuerwehren, ergänzt durch strategisch stationierte Spezialfähigkeiten. Nicht jede Kommune benötigt die gleiche Ausstattung. Maßgeblich müssen die örtlichen Risiken sein: Wald- und Vegetationsflächen, Topografie, Erreichbarkeit, verfügbare Wasserentnahmestellen sowie besonders schützenswerte Einrichtungen oder kritische Infrastruktur. Diese Faktoren gehören regelmäßig in die Bedarfs- und Einsatzplanung. Je nach örtlichem Risiko gehören dazu geeignete geländefähige oder geländegängige Fahrzeuge, leichte und modular verlastete Löschtechnik, Handwerkzeuge, Schlauchmaterial sowie eine auf Aufgabe und Gefährdung abgestimmte persönliche Schutzausrüstung. Ebenso wichtig sind verlässlicher Digitalfunk, Führungsmittel und ein aktuelles Lagebild. Luftunterstützung kann bei schwer erreichbaren Brandabschnitten entscheidend helfen, sie ergänzt aber immer die Brandbekämpfung am Boden.
Ein besonderer Schwerpunkt muss auf der Löschwasserversorgung und Durchhaltefähigkeit liegen. Wo Hydranten fehlen oder lange Wegstrecken zu überwinden sind, braucht es vorbereitete Wasserentnahmestellen, leistungsfähige Wasserförderung, mobile Speicher und abgestimmte Pendelverkehre. Zugleich müssen Versorgung und Verpflegung, Maßnahmen gegen Hitzebelastung, medizinische Absicherung sowie rechtzeitige Ablösungen organisiert sein. Vegetationsbrände werden nicht allein an der Feuerlinie entschieden, sondern ebenso durch eine belastbare Logistik im Hintergrund. Technik entfaltet ihre Wirkung nur mit Ausbildung und gemeinsamer Übung. Führungskräfte und Einsatzmannschaften benötigen praxisnahe Schulungen zu Brandverhalten, Einsatztaktik, Sicherheit und Zusammenarbeit. Feuerwehr, Forst, Polizei, Rettungsdienst, Hilfsorganisationen, Technisches Hilfswerk und weitere Partner müssen Zuständigkeiten, Übergabepunkte und Kommunikationswege kennen. Befahrbare Waldwege, gekennzeichnete Rettungspunkte, zugängliche Wasserstellen und gepflegte Einsatzkarten sind Teil dieser Vorsorge.
Der Landesfeuerwehrverband sieht Bund, Land und Kommunen im Rahmen ihrer jeweiligen Zuständigkeiten gemeinsam gefordert. Die Kommunen sichern den örtlichen Brandschutz und müssen ihre Bedarfsplanung an veränderte Risiken anpassen können. Das Land bleibt bei Förderung, Ausbildung, Katastrophenschutz und überörtlichen Spezialfähigkeiten gefragt. Der Bund muss den Zivil- und Bevölkerungsschutz sowie die länderübergreifende Unterstützung weiter stärken. Investitionen brauchen verlässliche Perspektiven, damit Beschaffung, Ausbildung und Unterhaltung langfristig geplant werden können.
„Die aktuellen Einsätze sind ein deutlicher Auftrag, Vorsorge weiterzudenken. Unsere Feuerwehren brauchen keine kurzfristigen Einzelprogramme, sondern eine verlässliche Entwicklung von Ausstattung, Ausbildung und Infrastruktur. Wer heute risikogerecht investiert, schützt morgen Einsatzkräfte, Bevölkerung, Natur und Sachwerte. Die vorhandenen Strukturen sind eine gute Grundlage. Jetzt müssen wir Erfahrungen konsequent auswerten und erkannte Lücken gemeinsam schließen“, so Fischer.
